Was steht denn da auf dem Frühstückstisch? Eine Flasche Milchdrink, teilentrahmt, pasteurisiert, filtriert und homogenisiert. Aber es ist natürlich kein stinkgewöhnlicher Milchdrink – es ist ein nachhaltiger Milchdrink. Über die Nachhaltigkeit schreibt Judith Maria Tonner in ihrer Inauguraldissertation von 2017 zur Erlangung der Würde eines Doktors der Philosophie, vorgelegt der Fakultät für Psychologie der Universität Basel:

Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der zurzeit inflationär und in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht wird (Aachener Stiftung Kathy Beys, 2015). Als Begründer des Prinzips der Nachhaltigkeit gilt Hans Carl von Carlowitz, der bereits 1713 in seinem Werk Sylvicultura oeconomica formulierte,dass nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung nachwachsen kann. In den 1970er Jahren wurde der Begriff im Zusammenhang mit der Ölkrise und einer Diskussion um nachwachsende Rohstoffe wieder aufgegriffen. Im als Brundtland-Bericht bekannt gewordenen Zukunftsbericht Our Common Future, den 1987 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung veröffentlichte, wurde erstmals das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung definiert. Die Kommission verstand darunter eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Diese Definition ist grundlegend für viele der folgenden Definitionen nachhaltiger Entwicklung. Im aktuellen Verständnis der Vereinten Nationen etwa bedeutet nachhaltige Entwicklung, dass die regionale, nationale und globale Entwicklung der Gesellschaft das Ziel verfolgen soll, die gegenwärtigen und kuünftigen Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Häufig werden die wirtschaftliche, soziale und ökologische Säule der nachhaltigen Entwicklung unterschieden…

Also, gerade innovativ ist es ja nicht, liebe für den Detaillisten Volg Werbende, ein inflationär verwendetes Schlagwort, das 1713 erfunden wurde und in den 1970er Jahren ein erstes Revival erlebt hat, zur Krönung ihres Milchdrinks zu verwenden. Zudem es eigentlich «nachhaltig produzierter Milchdrink» heissen müsste, da ja wohl nicht der Milchdrink nachhaltig ist, sondern dessen Produktion. Und so nebenbei gesagt: Autos stossen Kohlendioxid (CO2) aus, Kühe Methan (CH4), das bei ihrer Verdauung entsteht. Beides sind Treibhausgase, die sich in der Erdatmosphäre anreichern – und so zur Erwärmung des Klimas führen. Wobei Methan in dieser Funktion sogar 20 bis 30 Mal schädlicher ist als CO2. Wäre es also nicht sinnvoll, nicht nur Autos, sondern auch Kühe umweltfreundlicher zu machen? Oder gar zu verbieten? Oder zumindest nicht mit «Nachhaltigkeit» in Verbindung zu bringen?